Karl Berndt - Nachhaltigkeitsbewertungen von Streichinstrumenten: eine exemplarische Betrachtung des Material-Imputs einer Geige

Masterthesis - Sommersemester 2026

Fragen zur Nachhaltigkeit spielen schon lange nicht mehr nur in großen Industriezweigen eine Rolle, sondern rücken zunehmend auch in spezialisierten Bereichen wie beispielsweise dem Geigenbau in den Fokus. Bislang fehlt allerdings eine fundierte methodische Bewertung, mit der sich der Ressourcenver-brauch von Streichinstrumenten systematisch betrachten lässt. Die vorliegende Arbeit setzt an dieser Forschungslücke an, indem exemplarisch untersucht wird, wie viel Material-Input in den wichtigsten Bauteilen einer Geige steckt. Zusätzlich wird dabei beleuchtet, wie sich der Material-Input zur Nut-zungsdauer des Instruments verhält und welche Rückschlüsse sich daraus auf dessen Nachhaltigkeit ziehen lassen. Als Bewertungsmethode wird der Material-Input pro Serviceeinheit (MIPS) herangezo-gen und exemplarisch auf die drei zentralen Holzarten Fichte, Ahorn und Ebenholz angewendet, wobei ein besonderer Fokus auf dem Materialeinsatz der Herstellung liegt, welcher anschließend der Nut-zungsdauer gegenübergestellt wird. Da zu diesem Thema bislang wenig belastbare Daten existieren, werden diese durch eine explorative Literaturrecherche sowie durch teilstandardisierte Expert:innenin-terviews mit acht Tonholzhändlern erhoben und miteinander abgeglichen. Verbleibende Datenlücken werden durch begründete Annahmen geschlossen. Es zeigt sich, dass die durchschnittliche Materialaus-beute der betrachteten Bauteile nur rund 1,5 % beträgt, wobei der Materialverlust sowohl bei der Roh-stoffgewinnung und Tonholzherstellung als auch bei der eigentlichen Herstellung der Geige entsteht. Durch die lange Nutzungsdauer relativiert sich dieser hohe anfängliche Ressourceneinsatz jedoch deut-lich. Der Material-Input pro Serviceeinheit sinkt in den ersten Nutzungsjahren stark und steigt erst durch notwendige Reparaturen, wie etwa den Austausch des Griffbretts, wieder kurzfristig an. Im weiteren Verlauf pendelt sich der Wert auf einem vergleichsweise stabilen Niveau ein. Zusätzlich deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich der Material-Input weniger durch technische Verbesserungen der Sä-gewerke reduzieren lässt als durch eine weniger strenge optische Qualitätsauswahl beim Tonholz. Wür-den farbliche und weitere optische Abweichungen vom gängigen Standard stärker akzeptiert, ohne dass dies klangliche Nachteile mit sich bringt, ließe sich die Materialausbeute vermutlich deutlich steigern. Die Arbeit liefert somit eine erste methodische Grundlage für künftige Nachhaltigkeitsbewertungen von Streichinstrumenten und zeigt, dass nachhaltiger Geigenbau vor allem einen bewussteren Umgang mit dem Rohstoff Holz voraussetzt.