Nachhaltigkeitsaspekte sind im Firmenkundengeschäft der Banken angekommen. Wie verbindlich sie jedoch bereits in Kreditvergabe, Kreditmonitoring und Kreditkonditionen einfließen, bleibt uneinheitlich. Das zeigt die aktuelle Bankenstudie 2025 „Zur Berücksichtigung von ESG-Faktoren in der Kreditvergabe und im Kreditmonitoring deutscher und österreichischer Banken“, die an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) entstanden ist.
43,8 Prozent der befragten Institute geben an, Nachhaltigkeitsaspekte immer in der Kreditvergabe zu berücksichtigen. Weitere Institute tun dies häufig, gelegentlich oder fallbezogen. Besonders relevant wird ESG dann, wenn Nachhaltigkeitsaspekte mit dem Risikoprofil eines Unternehmens verbunden sind.
Eine zentrale Rolle spielt dabei weiterhin der direkte Kontakt zum Kunden. Kundengespräche und ESG-Selbstauskünfte gehören zu den wichtigsten Informationsquellen für die Nachhaltigkeitsbeurteilung. Externe ESG-Ratings, Datenbanken oder automatisierte Datenquellen werden dagegen deutlich seltener intensiv genutzt. Damit bleibt die ESG-Datenbasis vieler Banken bislang stark kundennah und nur begrenzt standardisiert.
ESG-Kriterien als Risikofilter
„Die zentrale Frage ist nicht mehr, ob ESG im Kreditprozess angekommen ist, sondern wie belastbar, vergleichbar und entscheidungsrelevant die verfügbaren Nachhaltigkeitsinformationen bereits sind“, ordnet Prof. Dr. Guido Sopp die Ergebnisse ein. Besonders auffällig ist die asymmetrische Wirkung von ESG-Bewertungen. Negative ESG-Scores wirken sich deutlich häufiger nachteilig auf Kreditentscheidungen aus als positive Scores vorteilhaft. Laut Studie berichten 62,5 Prozent der Banken, dass ein negativer ESG-Score die Kreditvergabe negativ beeinflusst. Ein positiver ESG-Score wirkt dagegen nur bei 28,1 Prozent der Institute positiv auf die Kreditvergabe.
Auch bei den Kreditkonditionen ist der Einfluss von ESG bislang begrenzt. Am ehesten zeigen sich Effekte bei der Besicherung und beim Zinssatz. Gebühren und Covenants bleiben dagegen weitgehend unberührt. Die Studie kommt daher zu dem Ergebnis, dass ESG derzeit vor allem als Risikofilter wirkt: Schlechte Nachhaltigkeitswerte können Kredite erschweren, gute Nachhaltigkeitsleistungen werden aber bislang nur selten aktiv belohnt.
Die Studie macht zudem eine zentrale Herausforderung der Sustainable-Finance-Praxis sichtbar: Während Banken ESG-Risiken zunehmend systematisch berücksichtigen sollen, fehlt es im Firmenkundengeschäft häufig noch an belastbaren, vergleichbaren und maschinenlesbaren Nachhaltigkeitsinformationen. Perspektivisch könnten standardisierte Formate und digitale Plattformlösungen dazu beitragen, diese Lücke zu schließen.
Fachbeitrag veröffentlicht
Erarbeitet wurde die Bankenstudie von Prof. Dr. Guido Sopp, Vertr.-Prof. Dr. Jonathan Hofmann, Emmelie Katrin Böhm, M.Sc und Philipp Schäfer, M.A. von der Fakultät Wirtschaftswissenschaften. Für die Studie wurden im Oktober 2025 insgesamt 64 vollständig ausgefüllte Fragebögen von Kreditinstituten aus Deutschland und Österreich ausgewertet. Angesprochen wurden insbesondere Personen aus Kreditgeschäft, Risikomanagement sowie Nachhaltigkeits- und ESG-Einheiten. Der Fokus lag auf unternehmensbezogenen Kreditentscheidungen im Firmenkundengeschäft.
Die Untersuchung entstand im Rahmen des ESF-Nachwuchsforscherprojekts „FungiMat“ an der WHZ. Das Projekt wird mitfinanziert durch Steuermittel auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes und durch Mittel der Europäischen Union kofinanziert (Förderkennzeichen: 100693825).
Die Ergebnisse der Bankenumfrage wurden im Fachbeitrag „Nachhaltigkeit bei Kreditvergabe: ESG-Integration in deutschen und österreichischen Banken“ von Prof. Dr. Guido Sopp, Philipp Schäfer und Vertr.-Prof. Dr. Jonathan Hofmann in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (ZfgK) veröffentlicht. Der Beitrag diskutiert die Studienergebnisse vor dem Hintergrund der zunehmenden Anforderungen an Banken bei gleichzeitig begrenzter Verfügbarkeit standardisierter Nachhaltigkeitsdaten von Unternehmen.
Weitere Informationen:
Die vollständige Bankenstudie steht unter folgendem Link zur Verfügung:
https://www.whz.de/wiw/personen/professorinnen/prof-dr-guido-sopp-cfe/bankenstudie-2025/
Informationen zum FungiMat-Nachwuchsforscherprojekt:
https://www.whz.de/forschung/forschung-an-der-whz/schaufenster-forschung/esf-nachwuchsforschergruppen/fungimat/
Fachliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Guido Sopp, CFE
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwirtschaft
Westsächsische Hochschule Zwickau
guido.sopp[at]whz.de
https://www.whz.de/wiw/personen/professorinnen/prof-dr-guido-sopp-cfe/
Philipp Schäfer, M.A.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Nachwuchsforscherprojekt „FungiMat“
Westsächsische Hochschule Zwickau
philipp.schaefer[at]whz.de